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Lisdexamfetamin

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Lisdexamfetamin
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Freiname Lisdexamfetamin (Abkürzung: LDX)
Andere Namen L-Lysin-D-amfetamin; (2S)-2,6-Diamino-N-[(2S)-1-phenylpropan-2-yl]hexanamid (IUPAC)
Summenformel C15H25N3O; als Arzneistoff Lisdexamfetamindimesilat (C17H33N3O7S2)
Wirkstoffklasse Zentral wirkendes Sympathomimetikum, Prodrug von Dexamfetamin (ATC-Code N06BA12)
Präparate Elvanse, Generika (z. B. Lisdexamfetamin-ratiopharm Erwachsene); in den USA Vyvanse

Lisdexamfetamin (Abkürzung: LDX) ist ein Arzneistoff aus der Gruppe der zentral wirkenden Sympathomimetika (Stimulanzien), der zur medikamentösen Behandlung der ADHS bei Kindern ab sechs Jahren, Jugendlichen und Erwachsenen eingesetzt wird.[1] Es handelt sich um ein sogenanntes Prodrug: Das Molekül besteht aus Dexamfetamin, das an die Aminosäure L-Lysin gebunden ist, und ist selbst unwirksam. Erst nach der Aufnahme wird es im Blut, vor allem durch Enzyme der roten Blutkörperchen, in Dexamfetamin und L-Lysin gespalten.[2] Die Wirkung hält dadurch lange an: In Studien war sie bei Kindern bis 13 Stunden und bei Erwachsenen bis 14 Stunden nach der Einnahme nachweisbar.[3]

In Arzneimitteln liegt der Wirkstoff als Salz Lisdexamfetamindimesilat vor. In Deutschland ist Lisdexamfetamin seit 2013 unter dem Handelsnamen Elvanse erhältlich, inzwischen auch als Generikum; in den USA wird es als Vyvanse vertrieben.[4][5] Lisdexamfetamin ist in Deutschland ein verkehrs- und verschreibungsfähiges Betäubungsmittel und wird auf einem Betäubungsmittelrezept verordnet.[6][7]

Geschichte

Lisdexamfetamin wurde unter der Bezeichnung NRP104 von dem US-Unternehmen New River Pharmaceuticals entwickelt und gemeinsam mit Shire zur Marktreife gebracht. Im Februar 2007 ließ die US-amerikanische Arzneimittelbehörde FDA den Wirkstoff unter dem Namen Vyvanse zur Behandlung der ADHS bei Kindern von 6 bis 12 Jahren zu; in den USA wurde er als Betäubungsmittel der Kategorie Schedule II eingestuft.[8] Lisdexamfetamin war das erste Stimulans, das als Prodrug entwickelt wurde.[9][10] Heute ist Vyvanse in den USA zur Behandlung der ADHS ab sechs Jahren zugelassen und seit 2015 als erstes Arzneimittel überhaupt auch zur Behandlung der mittelschweren bis schweren Binge-Eating-Störung bei Erwachsenen. Zur Gewichtsreduktion ist es ausdrücklich nicht zugelassen.[11][5]

In Deutschland kam Lisdexamfetamin im Juni 2013 als Elvanse auf den Markt, zunächst ausschließlich für Kinder ab sechs Jahren, bei denen eine vorangegangene Behandlung mit Methylphenidat nicht ausreichend gewirkt hatte.[4] In der frühen Nutzenbewertung sah der Gemeinsame Bundesausschuss (G-BA) einen Zusatznutzen gegenüber Atomoxetin nicht als belegt an.[12] Für Erwachsene folgte 2019 das Präparat Elvanse Adult; auch hier kam der G-BA in seinem Beschluss vom 17. Oktober 2019 zu dem Ergebnis, dass ein Zusatznutzen gegenüber Atomoxetin oder Methylphenidat nicht belegt sei.[13] Im Januar 2019 hatte Takeda den bisherigen Hersteller Shire übernommen.[14] 2024 wurden die Zulassungen von Elvanse und Elvanse Adult zusammengeführt, sodass Elvanse seither auch für Erwachsene zugelassen ist (siehe Zulassungserweiterung von Elvanse für das Erwachsenenalter 2024).[1] Inzwischen sind in Deutschland mehrere Generika erhältlich, unter anderem von ratiopharm, Stada und Aristo.[15][16][17]

Chemie

Lisdexamfetamin ist das Amid aus der Aminosäure L-Lysin und dem rechtsdrehenden Enantiomer des Amfetamins, Dexamfetamin. Beide Stereozentren sind (S)-konfiguriert.[6] Arzneilich verwendet wird das Salz mit Methansulfonsäure (Dimesilat). 20 mg Lisdexamfetamindimesilat entsprechen 5,9 mg Dexamfetamin, 70 mg entsprechen 20,8 mg Dexamfetamin.[1] Eine Übersicht aller Wirkstärken enthält der Artikel Elvanse.

Pharmakologie

Wirkmechanismus

Lisdexamfetamin selbst ist pharmakologisch inaktiv; die Wirkung geht vollständig auf das freigesetzte Dexamfetamin zurück.[10] Wie andere Amfetamine erhöht Dexamfetamin die Konzentration der Botenstoffe Dopamin und Noradrenalin im synaptischen Spalt. Es hemmt ihre Wiederaufnahme über den Dopamin- und den Noradrenalintransporter, hemmt den vesikulären Monoamintransporter 2 (VMAT2) und damit die Speicherung der Botenstoffe in den Vesikeln und hemmt die Aktivität der Monoaminoxidase.[18] Wie genau dies die ADHS-Symptome bessert, ist nicht vollständig geklärt. Angenommen wird, dass die Blockade der Wiederaufnahme von Noradrenalin und Dopamin in das präsynaptische Neuron und ihre vermehrte Freisetzung entscheidend sind.[4][1] Zum Vergleich mit Methylphenidat siehe Methylphenidat.

Pharmakokinetik

Nach der Einnahme wird Lisdexamfetamin im Dünndarm rasch aufgenommen, vermutlich über den Peptidtransporter PEPT1. Die Umwandlung in Dexamfetamin und L-Lysin erfolgt anschließend im Blut, und zwar in erster Linie durch die hydrolytische Aktivität der roten Blutkörperchen (Erythrozyten). Enzyme des Cytochrom-P450-Systems sind daran nicht beteiligt.[2][1] Die hohe Kapazität dieses Systems trägt vermutlich zu dem gleichmäßigen und gut reproduzierbaren Verlauf der Blutspiegel bei.[2]

Spaltung von Lisdexamfetamin in das wirksame Dexamfetamin und die Aminosäure L-Lysin. Die Hydrolyse findet im Blut statt, vor allem in den roten Blutkörperchen.

Die höchste Konzentration von Lisdexamfetamin im Blut wird nach etwa einer Stunde erreicht, die von Dexamfetamin bei Kindern nach etwa 3,5 Stunden und bei Erwachsenen nach etwa 3,8 Stunden. Nach einer fettreichen Mahlzeit verschiebt sich das Maximum bei Erwachsenen auf etwa 4,7 Stunden, die insgesamt aufgenommene Wirkstoffmenge bleibt aber gleich.[1] Die Halbwertszeit von Lisdexamfetamin liegt unter einer Stunde, die von Dexamfetamin bei etwa 11 Stunden.[1] Bei Kindern von 6 bis 12 Jahren ist sie mit 8,6 bis 9,5 Stunden etwas kürzer als bei Erwachsenen mit 10 bis 11,3 Stunden.[5] Verglichen mit einer gleich hohen Dosis schnell freisetzenden Dexamfetamins führt Lisdexamfetamin zu einer niedrigeren Spitzenkonzentration, einem späteren Maximum und geringeren Schwankungen zwischen verschiedenen Personen und bei derselben Person.[3] Zum zeitlichen Verlauf der Blutspiegel siehe Plasmaspiegel von ADHS-Medikamenten.

Rund 96 % einer radioaktiv markierten Dosis werden innerhalb von 120 Stunden mit dem Urin ausgeschieden, davon 42 % der Dosis als Amfetamin, 25 % als Hippursäure und 2 % als unverändertes Lisdexamfetamin.[1] Die Ausscheidung hängt vom pH-Wert des Urins ab: Ansäuernde Substanzen wie Ascorbinsäure (Vitamin C) beschleunigen sie und verkürzen die Halbwertszeit, alkalisierende Substanzen wie Natriumhydrogencarbonat verlängern sie.[1][5] Bei schwerer Niereninsuffizienz ist die Ausscheidung vermindert, die Tagesdosis soll dann 50 mg nicht überschreiten. Lisdexamfetamin und Dexamfetamin sind nicht dialysierbar.[1]

Wirkdauer

In einer Laborschulstudie mit 117 Kindern im Alter von 6 bis 12 Jahren war Lisdexamfetamin einem Placebo zu allen Messzeitpunkten zwischen 1,5 und 13 Stunden nach der Einnahme überlegen.[19] Bei Erwachsenen zeigte eine Studie in einer simulierten Arbeitsumgebung eine Wirkung von 2 bis 14 Stunden nach der Einnahme.[20] Eine Übersichtsarbeit von Mitarbeitern des damaligen Herstellers Shire bezeichnete diese Wirkdauer als länger als die aller anderen lang wirksamen ADHS-Medikamente.[3] Die lange Wirkung beruht nicht auf einer Retardgalenik, sondern auf der allmählichen Spaltung im Blut.[2][3] Die Kapsel darf auch geöffnet und ihr Inhalt aufgelöst werden.[1]

Anwendung

Anwendungsgebiete

In Deutschland ist Lisdexamfetamin im Rahmen einer therapeutischen Gesamtstrategie zugelassen

  • für Kinder ab sechs Jahren und Jugendliche mit ADHS, wenn das Ansprechen auf eine vorangegangene Behandlung mit Methylphenidat als klinisch unzureichend angesehen wird, und
  • für Erwachsene mit ADHS, deren Symptome bereits in der Kindheit bestanden.[1]

Bei Erwachsenen sollen die Symptome in der Kindheit nachträglich belegt werden, etwa anhand früherer Behandlungsunterlagen oder strukturierter Instrumente. Die Behandlung soll unter der Aufsicht eines in der Behandlung von ADHS erfahrenen Spezialisten erfolgen. Kinder unter sechs Jahren dürfen nicht mit Lisdexamfetamin behandelt werden.[1] In den USA ist der Wirkstoff außerdem zur Behandlung der mittelschweren bis schweren Binge-Eating-Störung bei Erwachsenen zugelassen, in Deutschland nicht.[5][1]

Dosierung und Einnahme

Die Behandlung beginnt in der Regel mit 30 mg einmal täglich morgens, bei Bedarf auch mit 20 mg. Die Dosis kann in etwa wöchentlichen Abständen in Schritten von 10 oder 20 mg erhöht werden (Titration); die empfohlene Höchstdosis beträgt 70 mg pro Tag. Bessern sich die Symptome nach einer geeigneten Dosisanpassung über einen Monat nicht, ist die Behandlung zu beenden.[1]

Die Kapseln können mit oder ohne Nahrung eingenommen werden. Sie dürfen auch geöffnet und ihr Inhalt in Joghurt, Wasser oder Orangensaft verrührt werden; die Mischung ist dann sofort und vollständig zu verzehren. Der Inhalt einer Kapsel soll nicht auf mehrere Einnahmen aufgeteilt werden. Wegen möglicher Schlafstörungen soll Lisdexamfetamin nicht am Nachmittag eingenommen werden. Nach einer vergessenen Einnahme kann die Behandlung am nächsten Tag fortgesetzt werden.[1]

Vor Beginn der Behandlung werden Blutdruck, Herzfrequenz, Körpergewicht und die Vorgeschichte, darunter plötzliche Herztodesfälle in der Familie, erfasst; bei Kindern zusätzlich die Körpergröße. Blutdruck und Puls werden bei jeder Dosisanpassung und mindestens alle sechs Monate kontrolliert. Bei einer Behandlung über mehr als zwölf Monate soll der Nutzen mindestens einmal jährlich überprüft werden, vorzugsweise mit behandlungsfreien Zeiträumen etwa in den Ferien.[1]

Wirksamkeit

Kinder und Jugendliche

In der US-amerikanischen Zulassungsstudie erhielten 290 Kinder im Alter von 6 bis 12 Jahren vier Wochen lang 30, 50 oder 70 mg Lisdexamfetamin oder ein Placebo. Alle drei Dosierungen waren dem Placebo deutlich überlegen; die Wirkung zeigte sich bereits in der ersten Behandlungswoche und hielt nach Elternbeurteilung bis etwa 18 Uhr an.[21] In einer europäischen Studie mit 336 Kindern und Jugendlichen von 6 bis 17 Jahren besserte Lisdexamfetamin die Symptome gegenüber Placebo mit einer Effektstärke von 1,80; ein Vergleichsarm mit OROS-Methylphenidat erreichte 1,26. Nach sieben Wochen galten 78 % der mit Lisdexamfetamin, 61 % der mit Methylphenidat und 14 % der mit Placebo Behandelten als deutlich gebessert.[22]

Bei Kindern und Jugendlichen, die auf Methylphenidat nicht ausreichend angesprochen hatten, wirkte Lisdexamfetamin in einer neunwöchigen Vergleichsstudie mit 267 Teilnehmenden schneller und häufiger als Atomoxetin: Bis zum ersten Ansprechen vergingen im Median 12 statt 21 Tage, und nach neun Wochen sprachen 81,7 % statt 63,6 % an.[23] In zwei Vergleichsstudien mit Jugendlichen von 13 bis 17 Jahren war eine feste Dosis von 70 mg Lisdexamfetamin 72 mg OROS-Methylphenidat überlegen; bei flexibler Dosierung fand sich dagegen kein signifikanter Unterschied.[24] In einer offenen Langzeitstudie über zwei Jahre mit 314 Kindern und Jugendlichen blieb die Wirkung erhalten.[25]

Erwachsene

In einer placebokontrollierten Studie mit 420 Erwachsenen im Alter von 18 bis 55 Jahren waren 30, 50 und 70 mg Lisdexamfetamin dem Placebo ab der ersten Woche überlegen. Nach vier Wochen galten 57 bis 62 % der Behandelten gegenüber 29 % unter Placebo als deutlich gebessert; zwischen den Dosierungen gab es keine signifikanten Unterschiede.[26] In einer Studie in einer simulierten Arbeitsumgebung verbesserte Lisdexamfetamin die Leistung bei einer standardisierten Rechenaufgabe über den ganzen Tag.[20]

Vergleich mit anderen ADHS-Medikamenten

Eine Netzwerk-Metaanalyse von 133 doppelblinden randomisierten Studien fand 2018 für Amfetamine, zu denen die Autoren Lisdexamfetamin zählten, nach Einschätzung der Behandelnden die größten Effekte auf die Kernsymptome, sowohl bei Kindern und Jugendlichen als auch bei Erwachsenen. Gleichzeitig brachen Studienteilnehmende unter Amfetaminen häufiger als unter Placebo wegen Nebenwirkungen ab. Unter Abwägung von Wirksamkeit und Verträglichkeit empfahlen die Autoren für die Kurzzeitbehandlung Methylphenidat bei Kindern und Jugendlichen und Amfetamine bei Erwachsenen als Mittel der ersten Wahl.[27] Für die Langzeitbehandlung lagen nicht genügend Daten vor.[27]

In der deutschen Nutzenbewertung nach § 35a SGB V war ein Zusatznutzen weder für Kinder und Jugendliche gegenüber Atomoxetin noch für Erwachsene gegenüber Atomoxetin oder Methylphenidat belegt.[12][13]

Binge-Eating-Störung

In einer randomisierten Studie mit Erwachsenen mit mittelschwerer bis schwerer Binge-Eating-Störung verringerten 50 und 70 mg Lisdexamfetamin die Zahl der Tage mit Essanfällen. Vier Wochen ohne Essanfälle erreichten 42,2 % (50 mg) bzw. 50,0 % (70 mg) gegenüber 21,3 % unter Placebo.[28] Auf dieser Grundlage wurde der Wirkstoff 2015 in den USA für diese Indikation zugelassen.[11]

Nebenwirkungen

Die häufigsten Nebenwirkungen sind verminderter Appetit, Schlafstörungen, Mundtrockenheit, Kopfschmerzen, Oberbauchschmerzen und Gewichtsabnahme.[1] In einer zweijährigen Studie mit Kindern und Jugendlichen traten Appetitminderung, Gewichtsabnahme, Schlafstörungen und Kopfschmerzen vor allem in den ersten vier bis zwölf Behandlungswochen auf.[25] Die Häufigkeiten nach Altersgruppen sind im Artikel Elvanse tabellarisch dargestellt.

Appetit, Gewicht und Wachstum

Appetitminderung und Gewichtsabnahme gehören zu den sehr häufigen Nebenwirkungen. Bei Kindern und Jugendlichen kann die Behandlung die Gewichts- und Längenzunahme verlangsamen; Größe, Gewicht und Appetit sollen deshalb mindestens alle sechs Monate anhand eines Wachstumsdiagramms dokumentiert werden.[1] In der zweijährigen europäischen Studie berichteten 49,4 % der Teilnehmenden über verminderten Appetit und 18,2 % über eine Gewichtsabnahme.[25]

Herz und Kreislauf

Stimulanzien erhöhen den Blutdruck im Mittel um etwa 2 bis 4 mmHg und die Herzfrequenz um etwa 3 bis 6 Schläge pro Minute. Bei Menschen mit vorbestehenden Herzfehlern oder anderen schweren Herzerkrankungen wurde über plötzliche Todesfälle berichtet; bei chronischer Einnahme von Amfetaminen, auch von Lisdexamfetamin, wurde über Kardiomyopathien berichtet.[1] Eine Metaanalyse von Studien mit Kindern und Jugendlichen fand unter Amfetaminen kleine, aber statistisch signifikante Anstiege von Blutdruck und Herzfrequenz, die bei einer Minderheit klinisch bedeutsam sein können.[29] Eine schwedische Fall-Kontroll-Studie mit rund 278.000 Menschen mit ADHS verband eine längere Einnahme von ADHS-Medikamenten insgesamt mit einem erhöhten Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen, vor allem für Bluthochdruck; pro Einnahmejahr stieg das Risiko um etwa 4 %.[30]

Psyche und Nervensystem

Lisdexamfetamin kann Angst, Unruhe, Reizbarkeit und Affektlabilität auslösen, bei Kindern häufig auch Tics und aggressives Verhalten. Psychotische und manische Symptome können auch bei Menschen ohne entsprechende Vorgeschichte auftreten.[1] In einer großen US-amerikanischen Kohortenstudie mit 13- bis 25-Jährigen traten neue Psychosen unter Amfetaminen häufiger auf als unter Methylphenidat (0,21 % gegenüber 0,10 %).[31] Stimulanzien können die Krampfschwelle senken und Sehstörungen wie Akkommodationsstörungen verursachen. In Kombination mit serotonergen Arzneimitteln ist selten ein Serotonin-Syndrom möglich.[1]

Weitere Nebenwirkungen

Bei Erwachsenen treten Mundtrockenheit sehr häufig sowie vermehrtes Schwitzen, Zähneknirschen, verminderte Libido und Erektionsstörungen häufig auf (siehe auch Sexualität). Häufig sind außerdem Durchfall, Übelkeit, Müdigkeit und Schwindel.[1]

Gegenanzeigen

Lisdexamfetamin darf nicht angewendet werden bei Überempfindlichkeit gegen den Wirkstoff oder andere sympathomimetische Amine, während oder innerhalb von 14 Tagen nach einer Behandlung mit Monoaminoxidase-Hemmern, bei Schilddrüsenüberfunktion, Erregungszuständen, symptomatischen Herz-Kreislauf-Erkrankungen, fortgeschrittener Arteriosklerose, mittelschwerem bis schwerem Bluthochdruck, Glaukom und Phäochromozytom.[1]

Wechselwirkungen

Die gleichzeitige Anwendung mit Monoaminoxidase-Hemmern kann eine hypertensive Krise auslösen und ist daher kontraindiziert. Mit serotonergen Arzneimitteln, etwa bestimmten Antidepressiva, ist selten ein Serotonin-Syndrom möglich. Dexamfetamin hemmt möglicherweise schwach das Enzym CYP2D6. Amfetamine können die Wirkung blutdrucksenkender Mittel abschwächen und die schmerzstillende Wirkung von Opioiden verstärken; die Antipsychotika Chlorpromazin und Haloperidol hemmen dagegen ihre stimulierende Wirkung. Arzneimittel, die den Urin ansäuern oder alkalisieren, verändern die Ausscheidung. Amfetamine können außerdem den Kortikosteroidspiegel im Plasma erhöhen und Steroidbestimmungen im Urin stören. Zu Wechselwirkungen mit Alkohol liegen nur begrenzte Daten vor.[1] Zu Koffein siehe Koffein und ADHS.

Schwangerschaft und Stillzeit

Für die Anwendung von Amfetaminpräparaten in der Schwangerschaft liegen nach Angaben des Beratungszentrums Embryotox umfangreiche Erfahrungen vor; Studien mit rund 6.200 exponierten Schwangerschaften ergaben keinen Hinweis auf ein erhöhtes Fehlbildungsrisiko.[32] Eine Kohortenstudie mit US-amerikanischen und nordischen Registerdaten fand nach Einnahme von Amfetaminen im ersten Schwangerschaftsdrittel kein erhöhtes Fehlbildungsrisiko.[33] Die Einnahme von Stimulanzien in der Schwangerschaft war in einer weiteren Studie mit einem leicht erhöhten Risiko für eine Präeklampsie (relatives Risiko 1,29) und, bei Fortsetzung in der zweiten Schwangerschaftshälfte, für eine Frühgeburt verbunden; die absoluten Risikoanstiege waren gering.[34] Neugeborene können Entzugssymptome zeigen. Laut Fachinformation soll Lisdexamfetamin in der Schwangerschaft nur angewendet werden, wenn der Nutzen das Risiko für das Kind rechtfertigt.[1] Embryotox hält die Anwendung in allen Phasen der Schwangerschaft für akzeptabel, wenn ein Absetzen zu einer deutlichen und alltagsrelevanten Verschlechterung der ADHS führen würde.[32]

Amfetamine gehen in die Muttermilch über. Die Fachinformation schließt die Anwendung während der Stillzeit aus.[1] Embryotox beurteilt das Stillen vor allem bei höheren Dosierungen kritisch und hält es allenfalls bei niedrig dosierter Monotherapie und guter Beobachtung des Kindes unter Vorbehalt für akzeptabel.[32] Siehe auch ADHS bei Frauen.

Missbrauch und Abhängigkeit

Wie andere Stimulanzien hat Lisdexamfetamin ein Potenzial für Missbrauch, Fehlgebrauch, Abhängigkeit und Zweckentfremdung; die US-amerikanische Fachinformation enthält dazu einen hervorgehobenen Warnhinweis (Boxed Warning).[1][5] Durch die Konstruktion als Prodrug gilt das Missbrauchspotenzial jedoch als geringer als bei schnell freisetzendem Dexamfetamin.[10] In einer Studie mit 36 Personen mit Stimulanzienmissbrauch in der Vorgeschichte wurden 100 mg Lisdexamfetamin, die 40 mg Dexamfetamin entsprechen, weniger positiv bewertet als 40 mg schnell freisetzendes Dexamfetamin; erst bei 150 mg Lisdexamfetamin war die Bewertung vergleichbar.[35] Intravenös verabreicht, lösten 50 mg Lisdexamfetamin im Gegensatz zu 20 mg Dexamfetamin keine signifikant stärkeren positiven Effekte aus als ein Placebo, da der Wirkstoff auch bei dieser Anwendung erst im Blut gespalten werden muss; die höchste Dexamfetaminkonzentration wurde nach 2,5 statt nach 0,8 Stunden erreicht.[36] Nasal angewendet ergab Lisdexamfetamin ähnliche Blutspiegel wie bei der Einnahme.[37] Da die Wirkdauer nicht auf einer Retardgalenik beruht, lässt sich das Arzneimittel nicht entretardieren.[10]

Nach dem Absetzen oder einer Dosisreduktion nach längerer Anwendung wurde über Entzugssymptome wie Müdigkeit und Depressionen berichtet.[1] Die US-amerikanische Fachinformation nennt außerdem gedrückte Stimmung, lebhafte, unangenehme Träume, Schlaflosigkeit oder vermehrtes Schlafbedürfnis und gesteigerten Appetit.[5] Siehe auch Sucht.

Überdosierung

Zeichen einer Überdosierung sind unter anderem Unruhe, Zittern, Verwirrtheit, Halluzinationen, stark erhöhte Körpertemperatur und ein Zerfall von Muskelgewebe (Rhabdomyolyse). Ein spezifisches Gegenmittel gibt es nicht; die Behandlung erfolgt symptomatisch.[1]

Rechtliche Aspekte

Betäubungsmittelrecht

In Deutschland ist Lisdexamfetamin in Anlage III des Betäubungsmittelgesetzes aufgeführt und damit ein verkehrs- und verschreibungsfähiges Betäubungsmittel.[6] Es wird auf einem Betäubungsmittelrezept verordnet. Ärzte dürfen einem Patienten innerhalb von 30 Tagen bis zu 2.100 mg Lisdexamfetamindimesilat verschreiben, was 70 mg pro Tag entspricht. In begründeten Einzelfällen darf diese Höchstmenge überschritten werden; das Rezept ist dann mit dem Buchstaben „A“ zu kennzeichnen.[7] Die Fachinformation empfiehlt, jeweils die kleinste sinnvolle Menge zu verordnen.[1] In den USA ist Lisdexamfetamin ein Betäubungsmittel der Kategorie Schedule II.[5]

Straßenverkehr

Nach der Fachinformation kann Lisdexamfetamin Schwindel, Schläfrigkeit und Sehstörungen verursachen und dadurch die Verkehrstüchtigkeit mäßig beeinflussen.[1] In einer placebokontrollierten Studie mit 61 jungen Erwachsenen führte eine sechswöchige Behandlung mit Lisdexamfetamin dagegen zu schnelleren Reaktionen auf unerwartete Ereignisse und zu weniger Kollisionen im Fahrsimulator.[38]

Amfetamin steht in der Anlage zu § 24a des Straßenverkehrsgesetzes. Wer unter der Wirkung eines dort genannten Mittels ein Kraftfahrzeug führt, handelt ordnungswidrig; eine solche Wirkung liegt bereits vor, wenn die Substanz im Blut nachgewiesen wird.[39][40] Das gilt nicht, wenn die Substanz aus der bestimmungsgemäßen Einnahme eines für einen konkreten Krankheitsfall verschriebenen Arzneimittels stammt (sogenannte Medikamentenklausel).[39] Fahrerlaubnisbehörden und Verwaltungsgerichte prüfen allerdings unabhängig davon, ob die Fahreignung gegeben ist.[41][42] Ausführlich: ADHS und Straßenverkehr.

Drogentests und Nachweis

Da Lisdexamfetamin als Dexamfetamin wirkt und zu einem großen Teil als Amfetamin ausgeschieden wird, fallen Drogenschnelltests auf Amphetamine unter der Behandlung positiv aus.[1][41] Von illegalem Amphetamin lässt sich die Einnahme nur mit einer Bestätigungsanalyse unterscheiden, die die beiden Enantiomere trennt: Im Blut und Urin von Patienten, die Lisdexamfetamin einnahmen, fand eine schwedische Untersuchung ausschließlich Dexamfetamin,[43] während illegales Straßenamphetamin ein Gemisch aus beiden Formen ist. Ein Anteil an L-Amphetamin von unter 1 % spricht für die Einnahme eines reinen Dexamfetamin-Präparats, ein Anteil von über 40 % für den Konsum von Straßenamphetamin.[44] Für Drogen allgemein gilt als Anhaltspunkt, dass sie nach einmaliger Einnahme im Urin 1,5 bis 4 Tage und im Blut ein bis zwei Tage nachweisbar sind; die tatsächliche Dauer hängt unter anderem von Dosis, Einnahmedauer und Nachweismethode ab.[45] Die Anwendung kann bei Dopingkontrollen zu positiven Ergebnissen führen.[1]

Reisen

Innerhalb des Schengen-Raums dürfen ärztlich verordnete Betäubungsmittel mit einer Bescheinigung nach Artikel 75 des Schengener Durchführungsübereinkommens mitgeführt werden.[46] Für andere Länder gelten die jeweiligen nationalen Vorschriften. Einzelheiten beschreiben die Artikel Mitnahme ADHS-Medikamente (Schengenraum) und Mitnahme ADHS-Medikamente (International). Als Nachweis der Verordnung im Alltag, etwa bei Kontrollen, führen manche Patientinnen und Patienten zusätzlich einen ADHS-Ausweis mit.

Handelsnamen

Siehe auch

Weitere interessante Artikel

Einzelnachweise

  1. ↑ 1,00 1,01 1,02 1,03 1,04 1,05 1,06 1,07 1,08 1,09 1,10 1,11 1,12 1,13 1,14 1,15 1,16 1,17 1,18 1,19 1,20 1,21 1,22 1,23 1,24 1,25 1,26 1,27 1,28 1,29 1,30 1,31 1,32 1,33 Fachinformation Elvanse (PDF). In: fachinfo.de. Takeda, Stand: Juni 2026, abgerufen am 23. September 2026.
  2. ↑ 2,0 2,1 2,2 2,3 Michael Pennick: Absorption of lisdexamfetamine dimesylate and its enzymatic conversion to d-amphetamine. In: Neuropsychiatric Disease and Treatment. Band 6, 2010, S. 317–327, doi:10.2147/NDT.S9749, PMID 20628632, PMC 2898170 (freier Volltext).
  3. ↑ 3,0 3,1 3,2 3,3 James C. Ermer, Michael Pennick, Glen Frick: Lisdexamfetamine Dimesylate: Prodrug Delivery, Amphetamine Exposure and Duration of Efficacy. In: Clinical Drug Investigation. Band 36, Nr. 5, 2016, S. 341–356, doi:10.1007/s40261-015-0354-y, PMID 27021968, PMC 4823324 (freier Volltext).
  4. ↑ 4,0 4,1 4,2 Lisdexamfetamin – Elvanse® (Neue Arzneistoffe 2013). In: Pharmazeutische Zeitung. Abgerufen am 23. September 2026.
  5. ↑ 5,0 5,1 5,2 5,3 5,4 5,5 5,6 5,7 5,8 Vyvanse (lisdexamfetamine dimesylate) – Full Prescribing Information (PDF; englisch). In: Drugs@FDA. U.S. Food and Drug Administration, Stand: September 2025, abgerufen am 23. September 2026.
  6. ↑ 6,0 6,1 6,2 Anlage III zum Betäubungsmittelgesetz (BtMG): verkehrsfähige und verschreibungsfähige Betäubungsmittel. In: Gesetze im Internet. Bundesministerium der Justiz, abgerufen am 23. September 2026.
  7. ↑ 7,0 7,1 § 2 Betäubungsmittel-Verschreibungsverordnung (BtMVV). In: Gesetze im Internet. Bundesministerium der Justiz, abgerufen am 23. September 2026.
  8. ↑ Shire, New River Pharmaceuticals Announce FDA Approval of VYVANSE (Pressemitteilung, englisch). In: Fierce Biotech. 26. Februar 2007, abgerufen am 23. September 2026.
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  10. ↑ 10,0 10,1 10,2 10,3 David J. Heal, Sharon L. Smith, Jane Gosden u. a.: Amphetamine, past and present – a pharmacological and clinical perspective. In: Journal of Psychopharmacology. Band 27, Nr. 6, 2013, S. 479–496, doi:10.1177/0269881113482532, PMID 23539642, PMC 3666194 (freier Volltext).
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  12. ↑ 12,0 12,1 Wirkstoff aktuell: Lisdexamfetamin (PDF). In: Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft. Kassenärztliche Bundesvereinigung, Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft, Ausgabe 5/2015, abgerufen am 23. September 2026.
  13. ↑ 13,0 13,1 Nutzenbewertung nach § 35a SGB V: Lisdexamfetamindimesilat (neues Anwendungsgebiet: ADHS bei Erwachsenen), Beschluss vom 17. Oktober 2019 (PDF). In: Gemeinsamer Bundesausschuss. Abgerufen am 23. September 2026.
  14. ↑ Takeda Completes Acquisition of Shire, Becoming a Global, Values-based, R&D-Driven Biopharmaceutical Leader (Pressemitteilung, englisch). In: Takeda. 8. Januar 2019, abgerufen am 23. September 2026.
  15. ↑ 15,0 15,1 Fachinformation Lisdexamfetamin-ratiopharm Hartkapseln (PDF). In: fachinfo.de. ratiopharm GmbH, Stand: April 2026, abgerufen am 23. September 2026.
  16. ↑ 16,0 16,1 Lisdexamfetamin STADA® 70 mg Hartkapseln. In: Gelbe Liste Pharmindex. Abgerufen am 23. September 2026.
  17. ↑ 17,0 17,1 Lisdex-Aristo Hartkapseln. In: PatientenInfo-Service. Abgerufen am 23. September 2026.
  18. ↑ Stephen V. Faraone: The pharmacology of amphetamine and methylphenidate: Relevance to the neurobiology of attention-deficit/hyperactivity disorder and other psychiatric comorbidities. In: Neuroscience & Biobehavioral Reviews. Band 87, 2018, S. 255–270, doi:10.1016/j.neubiorev.2018.02.001, PMID 29428394, PMC 8063758 (freier Volltext).
  19. ↑ Sharon B. Wigal, Scott H. Kollins, Ann C. Childress u. a.: A 13-hour laboratory school study of lisdexamfetamine dimesylate in school-aged children with attention-deficit/hyperactivity disorder. In: Child and Adolescent Psychiatry and Mental Health. Band 3, Nr. 1, 2009, S. 17, doi:10.1186/1753-2000-3-17, PMID 19508731, PMC 2704174 (freier Volltext).
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