DRD4

Beim DRD4 (auch bekannt als Dopaminrezeptor-D4-Gen oder D4DR) handelt es sich um ein Gen auf Chromosom 11. Im Genlocus 11p15.5 kodiert es für den Dopamin-D4-Rezeptor. DRD4 zählt gemeinsam mit dem SLC6A3 zu den Kandidatengenen, die im Zusammenhang mit ADHS am intensivsten erforscht wurden. Im Mittelpunkt der Forschung steht eine Längenvariante im dritten Exon, deren Sieben-Repeat-Allel (7R) in Metaanalysen mit einem leicht erhöhten ADHS-Risiko im Kindesalter verbunden war, vor allem in Stichproben europäischer Herkunft. Bei Erwachsenen ließ sich der Zusammenhang nicht bestätigen, und in genomweiten Assoziationsstudien blieb DRD4 bislang unauffällig.
Gen und Genprodukt
Das Gen wurde 1991 von einer Arbeitsgruppe um Van Tol kloniert. Der D4-Rezeptor gehört wie alle Dopaminrezeptoren zu den G-Protein-gekoppelten Rezeptoren und ähnelt den D2- und D3-Rezeptoren. Von diesen unterscheidet er sich durch eine um eine Größenordnung höhere Affinität zum atypischen Neuroleptikum Clozapin.[1] Das Gen liegt im distalen Bereich des kurzen Arms von Chromosom 11 und umfasst vier Exons.[2][3]
Als Rezeptor der D2-ähnlichen Familie hemmt der D4-Rezeptor nach Aktivierung durch Dopamin die Synthese des Botenstoffs cyclisches AMP (cAMP).[3][4] Neben Dopamin aktiviert auch Noradrenalin den Rezeptor.[5] Besonders stark wird er in den tiefen Schichten des präfrontalen Cortex gebildet. Im Striatum ist seine mRNA kaum nachweisbar; D4-Rezeptoren sitzen dort vermutlich vor allem an den Endigungen von Nervenzellen, die aus dem Cortex ins Striatum projizieren.[6]
Genetische Varianten
48-bp-VNTR in Exon 3
1992 beschrieben Van Tol und Kollegen eine Längenvariante in dem Abschnitt, der für die dritte zytoplasmatische Schleife des Rezeptors kodiert. Eine 48 Basenpaare lange Sequenz liegt dort in zwei, vier oder sieben Kopien vor (Rezeptorvarianten D4.2, D4.4 und D4.7).[7] Es handelt sich um einen VNTR (variable number of tandem repeats), dessen Wiederholungseinheit 16 Aminosäuren kodiert und der in zwei bis elf Kopien vorkommt.[8][9] Die Allele unterscheiden sich außerdem in der Sequenz und Reihenfolge der Wiederholungen.[10]
Die Allelhäufigkeiten schwanken weltweit erheblich. In einer Untersuchung an 1327 Personen aus 36 Populationen war das 4R-Allel mit einer mittleren Häufigkeit von 64,3 % am häufigsten, gefolgt vom 7R-Allel (20,6 %) und dem 2R-Allel (8,2 %). Das 7R-Allel war in Amerika besonders verbreitet (48,3 %), in Ost- und Südasien dagegen selten (1,9 %), wo wiederum das 2R-Allel häufiger vorkam (18,1 %). Die Autoren wiesen darauf hin, dass Assoziationsstudien die Herkunft ihrer Stichproben deshalb sorgfältig berücksichtigen müssen.[8]
Sequenzanalysen sprechen dafür, dass das 7R-Allel mindestens fünf- bis zehnmal jünger ist als das 4R-Allel und sich durch positive Selektion ausgebreitet hat.[9] Nach einer Schätzung von Wang et al. entstand es bereits vor Beginn des Jungpaläolithikums vor etwa 40.000 bis 50.000 Jahren.[11] Ausgehend von der Hypothese, dass mit ADHS verbundene Verhaltensweisen in früheren Umwelten vorteilhaft gewesen sein könnten (vgl. Hunter-/Farmer-Paradigma), wurden auch Zusammenhänge mit der Lebensweise untersucht.[12] Bei nomadisch lebenden Männern des kenianischen Hirtenvolks der Ariaal hatten Träger des 7R-Allels einen höheren Body-Mass-Index, bei sesshaft gewordenen einen niedrigeren.[13] Eine vorab registrierte Untersuchung an 259 Kindern der verwandten Rendille konnte den Zusammenhang mit dem Ernährungszustand nicht bestätigen.[12]
Neben der Zahl der Wiederholungen werden seltene Sequenzvarianten innerhalb des VNTR untersucht. Mehr als 10 % von 132 Kindern mit ADHS trugen bis dahin unbekannte, überwiegend vom 7R-Allel abgeleitete Varianten.[14] In der brasilianischen Geburtskohorte von Pelotas (4101 Personen) war nicht die Allellänge, wohl aber das Vorliegen seltener Varianten innerhalb des 7R-Allels mit hohen Werten für Hyperaktivität und Unaufmerksamkeit verbunden (OR 2,56 in einer resequenzierten Teilstichprobe).[15]
Promotorvarianten
Etwa 1,2 Kilobasen vor dem Startcodon liegt eine 120 Basenpaare lange Tandemduplikation (rs4646984).[3] Da Schimpansen, Gorillas und Orang-Utans keine Duplikation aufweisen, gilt das duplizierte, lange Allel als das jüngere; seine Häufigkeit lag in elf untersuchten Populationen zwischen 40 und 81 %.[16] In Zellversuchen war die Transkriptionsaktivität des langen Allels geringer als die des kurzen.[17][18] Beim Einzelnukleotid-Polymorphismus (SNP) −521C/T (rs1800955) verringert das T-Allel die Transkriptionseffizienz um 40 %.[19] In Hirngewebe von 28 Verstorbenen hatte jedoch weder eine dieser Varianten noch der Exon-3-VNTR einen signifikanten Einfluss auf die Menge der DRD4-mRNA.[20] In Metaanalysen waren die 120-bp-Duplikation, −521C/T und weitere Promotorvarianten nicht signifikant mit ADHS assoziiert.[3]
Befunde zur ADHS-Assoziation
Erste Untersuchungen und Einzelstudien
Die ersten molekulargenetischen Untersuchungen zu DRD4 in den 1990er Jahren waren hypothesengeleitet. Da die Stimulanzien über das dopaminerge System wirken, galten dopaminerge Gene als naheliegende Kandidaten.[21] Für DRD4 sprach zusätzlich, dass der Rezeptor bevorzugt in kortikalen und limbischen Hirnregionen vorkommt und das Gen mit dem Persönlichkeitsmerkmal Novelty Seeking in Verbindung gebracht worden war.[22]
LaHoste und Mitarbeiter berichteten 1996 als Erste, dass das 7R-Allel bei Kindern mit ADHS signifikant häufiger vorkam als bei Kontrollkindern gleicher ethnischer Herkunft.[22] In der Stichprobe von je 39 Kindern lag die Häufigkeit des 7R-Allels bei 29 % gegenüber 12 %; mindestens ein 7R-Allel trugen 49 % gegenüber 21 % der Kinder. Eine familienbasierte Untersuchung an 52 Familien bestätigte den Befund.[23] Weitere Studien zeigten eine bevorzugte Weitergabe des 7R-Allels von den Eltern an betroffene Kinder.[24] Andere Arbeiten fanden keinen Unterschied; bei Castellanos et al. etwa betrug die 7R-Häufigkeit bei 41 Kindern mit schwerer ADHS 22,0 % und bei 56 Kontrollpersonen 20,5 %.[25]
Bei der 120-bp-Duplikation fand eine Arbeitsgruppe um McCracken an 371 Kindern eine bevorzugte Weitergabe des langen Allels,[26] während in einer anderen Studie der homozygote kurze Genotyp bei ADHS häufiger war (8,1 % gegenüber 3,2 % bei Kontrollen).[18] In einer Längsschnittstudie an 265 Kindern einer Risikostichprobe, die von der Geburt bis zum Alter von elf Jahren begleitet wurden, hatten Jungen mit 7R-Allel häufiger eine ADHS und häufiger einen persistierenden Verlauf.[27] In der internationalen IMAGE-Studie an 776 Kindern mit kombiniertem Subtyp waren einzelne SNPs in DRD4 nominell signifikant, nicht aber der genweite Test.[28]
Metaanalysen
Weil die Einzelstudien meist klein waren und einander widersprachen, wurden zahlreiche Metaanalysen durchgeführt. Als Effektmaß dient in der Regel die Odds Ratio (OR); Werte über 1 bedeuten ein erhöhtes, Werte unter 1 ein vermindertes Risiko.
| Metaanalyse | Untersuchte Variante | Ergebnis |
|---|---|---|
| Faraone et al. 2001[29] | 7R-Allel | kleiner, nach Einschätzung der Autoren aber realer Zusammenhang in Fall-Kontroll- und familienbasierten Studien, kein Hinweis auf Publikationsbias |
| Faraone et al. 2005[30][5] | 7R-Allel | Fall-Kontroll-Studien OR 1,45 (95 % KI 1,27–1,65), familienbasierte Studien OR 1,16 (1,03–1,31) |
| Li et al. 2006[31] | 48-bp-VNTR (europäische und asiatische Studien) | 7R OR 1,34 (1,23–1,45) und 5R OR 1,68 (1,17–2,41); 4R leicht protektiv (OR 0,90) |
| Gizer et al. 2009[32] | 48-bp-VNTR (neben weiteren Kandidatengenen) | signifikante Assoziation bei signifikanter Heterogenität zwischen den Studien |
| Nikolaidis und Gray 2010[33] | 7R-Allel, nur ethnisch homogene Stichproben | europäische Herkunft OR 1,64, südamerikanische OR 2,41, Naher Osten OR 0,72 |
| Smith 2010[34] | 7R-Allel (27 Studien) | OR 1,33 (1,16–1,53) bei systematischer Heterogenität |
| Bonvicini et al. 2016[35] | 48-bp-VNTR bei Erwachsenen (6 Studien) | kein Zusammenhang |
| Bonvicini et al. 2020[3] | 48-bp-VNTR (77 Studien, über 3000 Fälle und 16.000 Kontrollen) | 7R in europäischen Stichproben OR 1,31 (1,17–1,47) bei deutlicher Heterogenität, kein Effekt in asiatischen Stichproben; 4R protektiv (OR 0,83) |
Die Metaanalysen ergaben übereinstimmend einen kleinen Effekt des 7R-Allels mit Odds Ratios um 1,3 und eine deutliche Heterogenität zwischen den Studien, die unter anderem mit der Herkunft der Stichproben zusammenhängt. Am besten belegt war der Zusammenhang in europäischen Stichproben; für südamerikanische fielen die Ergebnisse uneinheitlich aus, in asiatischen fehlte er, und in Fall-Kontroll-Studien aus dem Nahen Osten war das 7R-Allel bei Patienten sogar seltener (OR 0,61).[33][3] Die Hinweise auf einen Publikationsbias, die sich für die europäischen Studien ergaben, verschwanden nach Ausschluss zweier Studien. Bonvicini und Kollegen schlugen den VNTR als möglichen Biomarker für die Diagnose im Kindesalter vor, räumten aber ein, dass dessen Genauigkeit ungeklärt sei.[3] Da das 7R-Allel auch in der Allgemeinbevölkerung häufig ist und das Risiko nur geringfügig erhöht, lässt sich aus dem Genotyp im Einzelfall weder auf eine ADHS schließen noch umgekehrt.
Eine gemeinsame Neuauswertung dreier zuvor negativer Studien fand keinen Zusammenhang mit den Subtypen nach DSM-IV.[36] In der Metaanalyse von Smith war der Effekt umso größer, je höher der Anteil von Patienten mit kombiniertem Subtyp war, und umso kleiner, je mehr Teilnehmer dem vorwiegend unaufmerksamen Subtyp angehörten.[34]
Erwachsenenalter
Bei Erwachsenen sind die Befunde überwiegend negativ. In einer Stichprobe aus Norwegen mit 358 Patienten und 340 Kontrollpersonen war der VNTR nicht assoziiert; die Autoren hielten es für möglich, dass DRD4 eher mit einer vorübergehenden Form der ADHS mit günstigerem Langzeitverlauf zusammenhängt.[37] Eine Gruppe um Sánchez-Mora untersuchte im Rahmen des IMpACT-Konsortiums 1608 Erwachsene mit ADHS und 2352 Kontrollpersonen; die Stichproben stammten aus vier europäischen Ländern. Weder die 120-bp-Duplikation noch der VNTR waren für sich genommen assoziiert; nur ein Haplotyp aus langem Promotorallel und 4R-Allel zeigte eine nominelle Assoziation (p = 0,02). Für eine Wechselwirkung (Epistasie) mit SLC6A3 fanden sich keine Hinweise, eher für additive Effekte beider Gene.[38] Eine Metaanalyse von sechs Studien an Erwachsenen ergab keinen Zusammenhang mit dem VNTR.[35] Eine weitere Fall-Kontroll-Studie an Erwachsenen mit persistierender ADHS deutete erneut auf eine Beteiligung beider Varianten hin.[39]
Genomweite Untersuchungen
Die genomweiten Assoziationsstudien (GWAS), die bis zu 38.691 Betroffene und 186.843 Kontrollpersonen umfassten, ergaben in der Umgebung von DRD4 keinen Risikolocus,[40][41][42] und auch fünf SNPs im Gen selbst waren in der GWAS von 2019 nicht signifikant. Den 48-bp-VNTR erfassen diese SNPs allerdings nicht mit, da er mit ihnen nicht im Kopplungsungleichgewicht steht, also nicht gemeinsam mit ihnen vererbt wird. Bonvicini et al. sehen in den negativen GWAS-Befunden deshalb keinen Widerspruch zu einer Rolle des VNTR.[3]
Befunde aus Bildgebung und Neuropsychologie
In MRT-Maßen fanden Castellanos und Kollegen 1998 keine Unterschiede zwischen Kindern mit und ohne 7R-Allel.[25] Eine Längsschnittuntersuchung an 105 Kindern mit ADHS und 103 Kontrollpersonen ergab bei Trägern des 7R-Allels einen dünneren rechten orbitofrontalen und unteren präfrontalen sowie hinteren parietalen Cortex. Kinder mit ADHS und 7R-Allel hatten einen günstigeren klinischen Verlauf, und die Ausdünnung der rechten Parietalregion bildete sich bis zur Adoleszenz weitgehend zurück.[43] In der multizentrischen NeuroIMAGE-Studie war das 7R-Allel bei 239 Jugendlichen und jungen Erwachsenen mit geringerer Aktivität im oberen frontalen und parietalen Cortex während einer Aufgabe zur Reaktionshemmung verbunden.[44]
In neuropsychologischen Tests zeigten Kinder mit ADHS und 7R-Allel in einer Untersuchung von Swanson et al. entgegen der Erwartung normale Reaktionszeiten und eine normale Reaktionszeitvariabilität; bei Kindern mit ADHS ohne dieses Allel fanden sich die typischen langsamen und schwankenden Reaktionen.[45] Eine andere Studie an 133 unbehandelten Kindern mit ADHS beschrieb dagegen bei Trägern des 7R-Allels einen ungenauen, impulsiven Antwortstil.[46] Als beständigsten Befund wertete eine systematische Übersicht eine hohe Reaktionszeitvariabilität bei Fehlen des 7R-Allels; auf die Reaktionshemmung hatte der Genotyp keinen Einfluss.[47] In einer systematischen Übersicht mit Metaanalyse populationsbasierter Studien an Kindern und Jugendlichen (46 Studien mit 13.195 Teilnehmern) waren längere DRD4-Allele mit geringeren exekutiven Funktionen und einer ungünstigeren sozial-emotionalen Entwicklung verbunden, wobei das Ergebnis davon abhing, wie die Genotypen eingeteilt wurden.[48]
Mögliche Rolle bei ADHS
Nach einer Hypothese, die Swanson und Mitarbeiter als spekulativ bezeichneten, könnte das 7R-Allel einen weniger empfindlichen (subsensitiven) postsynaptischen Rezeptor hervorbringen.[21] Grundlage waren Zellversuche, in denen die D4.7-Variante eine abgeschwächte Reaktion auf Dopamin zeigte.[22] So hemmte Dopamin die cAMP-Bildung über D4.7 mit etwa halb so großer Wirkstärke wie über D4.2 und D4.4; die Autoren selbst bewerteten den Unterschied als gering.[4] Eine Metaanalyse solcher Zellstudien sprach für eine geringere Funktionalität des 7R-Allels.[3]
Wenn der D4-Rezeptor mit anderen Rezeptoren Komplexe (Heteromere) bildet, zeigt die D4.7-Variante nach neueren Arbeiten eher einen Funktionsgewinn. In Heteromeren mit dem D2-Rezeptor steigerte sie etwa dessen Grundaktivität,[49] und bei Mäusen mit einem humanisierten D4.7-Rezeptor war die durch Methamphetamin ausgelöste Freisetzung von Glutamat aus kortikalen Nervenendigungen im Striatum abgeschwächt.[50] Auch mit dem α2A-Adrenozeptor, dem Angriffspunkt von Guanfacin und Clonidin, bildet der D4-Rezeptor Heteromere, deren Eigenschaften sich je nach D4-Variante unterscheiden.[51][6] Welche Varianten als „funktionell“ gelten sollen, ist nach wie vor offen.[48]
In einem Mausmodell, in dem dopaminerge Bahnen kurz nach der Geburt mit 6-Hydroxydopamin geschädigt werden, entwickelten Tiere ohne D4-Rezeptor keine Hyperaktivität, und ein D4-Antagonist verhinderte sie bei Wildtyp-Tieren.[52] Bei Erwachsenen mit ADHS war der selektive D4-Antagonist MK-0929 in einer placebokontrollierten Studie jedoch nicht wirksam.[53]
Siehe auch: Striatofrontale Dysfunktion
Gen-Umwelt-Interaktionen
Die uneinheitliche Befundlage könnte auch daran liegen, dass sich DRD4-Varianten nicht unabhängig von der Umwelt auswirken. Für ADHS insgesamt fand eine Übersicht über 16 Studien relativ konsistente Hinweise auf Wechselwirkungen zwischen Genotypen und psychosozialen Faktoren, während Befunde zu prä- und perinatalen Risikofaktoren überwiegend negativ oder nicht repliziert waren.[54]
Wenig feinfühliges mütterliches Verhalten ging in einer Studie nur bei Kindern mit 7R-Allel mit mehr oppositionellem und aggressivem Verhalten im Vorschulalter einher.[55] In einer US-amerikanischen Langzeitstudie war das 7R-Allel bei wenig feinfühliger früher Fürsorge mit mehr, bei sehr feinfühliger Fürsorge mit weniger Unaufmerksamkeit im mittleren Kindesalter verbunden.[56] Bei Erwachsenen mit persistierender ADHS hing eine stärkere Symptomatik mit belastenden Lebensereignissen zusammen; hinsichtlich der Unaufmerksamkeit reagierten aber gerade Personen ohne den Haplotyp aus langem Promotorallel und 7R-Allel empfindlicher auf Belastungen.[39] Nach einer Zwillingsstudie hatten Kinder mit 7R-Allel und pränataler Tabakexposition eine etwa dreifach erhöhte Wahrscheinlichkeit eines schweren kombinierten Subtyps;[57] andere Untersuchungen fanden keine Wechselwirkungen mit Rauchen oder Alkohol in der Schwangerschaft.[58][44]
Bakermans-Kranenburg und van IJzendoorn deuteten solche Befunde im Sinne einer differentiellen Empfänglichkeit (differential susceptibility). Danach macht das 7R-Allel anfälliger für ungünstige, aber auch empfänglicher für günstige Umwelteinflüsse.[59] In einer randomisierten Studie an 157 Familien mit Kleinkindern verringerte ein videogestütztes Elterntraining externalisierendes Verhalten vor allem bei Kindern mit 7R-Allel.[60] Eine Metaanalyse von 22 randomisierten Studien mit 3257 Teilnehmern ergab für Träger der als empfänglich geltenden Genotypen, darunter das 7R-Allel, einen deutlich größeren Interventionseffekt (r = 0,33) als für die übrigen Teilnehmer (r = 0,08, nicht signifikant).[61]
Befunde zu Gen-Umwelt-Interaktionen mit Kandidatengenen sind allerdings mit Vorsicht zu bewerten. Eine Auswertung der ersten zehn Jahre dieser Forschung in der Psychiatrie ergab, dass 96 % der Erstbefunde, aber nur 27 % der Replikationsversuche signifikant waren, was für Publikationsbias und eine hohe Rate falsch-positiver Befunde spricht.[62]
Pharmakogenetik
Ob DRD4-Varianten das Ansprechen auf Methylphenidat beeinflussen, wurde in zahlreichen Studien untersucht, die zu widersprüchlichen Ergebnissen kamen. Nach einer Studie von Hamarman et al. an 45 Kindern benötigten Träger des 7R-Allels höhere Dosen; eine Normalisierung der Symptomatik mit höchstens 50 mg Methylphenidat erreichten 58 % der Kinder mit, aber 95 % der Kinder ohne 7R-Allel.[63] In einer niederländischen Stichprobe von 82 Kindern aus 54 Familien zeigte sich umgekehrt ein nicht signifikanter Trend zu einem besseren Ansprechen bei Vorliegen von ein oder zwei 7R-Allelen.[64] Auch in der nach Angaben der Autoren bislang größten pharmakogenetischen Studie zu diesem Polymorphismus, einer placebokontrollierten Untersuchung an 374 Kindern, sprachen Kinder mit zwei 7R-Allelen nach dem Urteil der Eltern besser an, wenn auch mit sehr kleinem Effekt.[65]
Bei 83 koreanischen Kindern war der 4/4-Genotyp unter guten Respondern häufiger als unter schlechten (71,1 % gegenüber 31,6 % nach Elternurteil).[66] In einer randomisierten Studie an 89 Kindern zeigte sich bei fehlendem 4R-Allel eine geringere dosisabhängige Besserung der hyperaktiv-impulsiven Symptome.[67] Die bislang umfangreichste pharmakogenetische Metaanalyse wertete 36 Studien mit 3647 Kindern aus. Für den 4R/4R-Genotyp ergab sich in sechs Studien ein besseres Ansprechen (OR 1,66; 95 % KI 1,16–2,37), für das 7R-Allel in fünf Studien ein nicht signifikanter Trend zu schlechterem Ansprechen (OR 0,68; 0,47–1,00).[68]
Bei Erwachsenen fanden die beiden verfügbaren Studien zum VNTR keinen Zusammenhang mit dem Ansprechen.[3] Eine systematische Übersicht kam zu dem Schluss, dass pharmakogenetische Tests bei Erwachsenen von der klinischen Routine weit entfernt sind.[69] Eine genotypbasierte Vorhersage des Ansprechens ist gegenwärtig nicht möglich.
Siehe auch: Non-Responder
Potentielle Komorbidität
Neben ADHS wurden für DRD4-Varianten auch Assoziationen mit Persönlichkeitsmerkmalen und anderen Störungsbildern berichtet. Sie können auf gemeinsame genetische Einflussfaktoren hindeuten, sind aber kein Beleg für eine Komorbidität im klinischen Sinne.
Für das Persönlichkeitsmerkmal Novelty Seeking fand eine Metaanalyse von 20 Studien mit 3907 Personen im Mittel keinen Zusammenhang.[70] Munafò und Kollegen fanden ebenfalls keinen Zusammenhang mit dem VNTR, wohl aber mit dem Promotor-SNP −521C/T; dieser dürfte höchstens 3 % der Unterschiede erklären, und ein Publikationsbias deutete sich an.[71] Eine neuere Metaanalyse von 24 Studien mit 4933 Teilnehmern ermittelte hingegen einen signifikanten Zusammenhang mit dem VNTR, der von Geschlecht, Alter und Herkunft abhing.[72] Bei Eltern aus Familien mit mehreren betroffenen Kindern sagten Novelty Seeking und der VNTR eine ADHS unabhängig voneinander vorher; der Zusammenhang zwischen Novelty Seeking und ADHS ließ sich nicht auf DRD4 zurückführen.[73]
Bei Suchterkrankungen gehen die Ergebnisse auseinander, solange nur Diagnosen betrachtet werden; eine Übersicht sah aber Hinweise auf einen Zusammenhang mit dem Verlangen nach Suchtmitteln.[74] Nach einer Metaanalyse von 28 Studien hatten Träger langer Allele mehr Trinktage und Rauschtrinktage sowie eine schwerere Alkoholkonsumstörung; in Fall-Kontroll-Vergleichen fand sich kein Unterschied.[75] Für das 7R-Allel ergab eine Metaanalyse zur Opioidabhängigkeit eine OR von 1,57.[76]
Eine Metaanalyse von zwölf Stichproben zu affektiven Störungen fand einen Zusammenhang des 2R-Allels mit unipolarer Depression.[77] Bei Schizophrenie zeigte sich in einer Metaanalyse mit über 2300 Patienten trotz hoher statistischer Power kein Zusammenhang mit dem VNTR.[78]
Einordnung
Der Zusammenhang von DRD4 mit ADHS gehört zu den am häufigsten replizierten Befunden der Kandidatengenforschung, doch sind die Effekte klein[32][79] und von Population zu Population sehr verschieden.[3] Nicht abschließend geklärt ist auch, welche funktionelle Bedeutung der VNTR hat.
Dass die zuvor vorgeschlagenen Kandidatengene in den großen GWAS weitgehend nicht hervortraten,[40] werteten Faraone und Larsson als Hinweis darauf, dass die bei ADHS angenommene Störung der Katecholamin-Übertragung möglicherweise eher eine sekundäre Anpassung als die primäre Ursache darstellt.[80] Die GWAS stützen eine Beteiligung des dopaminergen Systems, etwa durch die Assoziation des genetischen Risikos mit dopaminergen Neuronen des Mittelhirns;[41] ob einzelne DRD4-Varianten ursächlich beitragen, lässt sich daraus nicht ableiten.
Siehe auch
Weblinks
- DRD4 in der Datenbank Gene des NCBI
- DRD4 in Online Mendelian Inheritance in Man
- Molekulargenetische Untersuchungen in der ADHDgene Database (Archivversion vom 18. Juli 2024, das Original ist nicht mehr erreichbar)
- DRD4 bei Wikigenes
Weitere interessante Artikel

Einzelnachweise
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- ↑ Gelernter J, Kennedy JL, van Tol HH, Civelli O, Kidd KK. The D4 dopamine receptor (DRD4) maps to distal 11p close to HRAS. Genomics. 1992;13:208–210. doi:10.1016/0888-7543(92)90222-e
- ↑ 3,00 3,01 3,02 3,03 3,04 3,05 3,06 3,07 3,08 3,09 3,10 Bonvicini C, Cortese S, Maj C et al. DRD4 48 bp multiallelic variants as age-population-specific biomarkers in attention-deficit/hyperactivity disorder. Transl Psychiatry. 2020;10:70. doi:10.1038/s41398-020-0755-4
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- ↑ Seaman MI, Fisher JB, Chang F, Kidd KK. Tandem duplication polymorphism upstream of the dopamine D4 receptor gene (DRD4). Am J Med Genet. 1999;88(6):705–709. <705::aid-ajmg22>3.0.co;2-f doi:10.1002/(sici)1096-8628(19991215)88:6<705::aid-ajmg22>3.0.co;2-f
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